Eine Würdigung

Der Maler und Zeichner Andreas Schellemann

Vortrag anlässlich der Eröffnung der Ausstellung: »Die Bilderwelten des Andreas Schellemann« – Malerei und Zeichnung – im Museum Gotischer Kasten der Schlossökonomie Gern/Eggenfelden am 20. Oktober 2012
Von Dr. Volker Ziegert

»A GOOD PIECE OF ART IS ONE
YOU STILL LOVE
WHEN IT’S WORTH NOTHING«

Dieser bemerkenswerte Satz war zu lesen und zu sehen auf einer als Bild gemalten Leinwand, die von einer Galerie zum Kauf angeboten wurde während einer Kunstmesse, auf der Kunst vor allem als hochwertige, d.h. teure, geldige Ware – mit großem Erfolg – gehandelt wurde.

»EIN GUTES KUNSTWERK IST EIN WERK,
DAS MAN AUCH DANN NOCH LIEBT (SCHÄTZT),
WENN ES NICHTS WERT IST«

Ein poetisches Statement subtil-ironischer Aufklärung für alle, die in einem Kunstwerk lediglich eine spekulative Geldanlage sehen, denn mit Wert ist hier natürlich der ökonomische und nicht der kulturelle gemeint. Während bislang inhaltliche und formale Kriterien – also ästhetische Maßstäbe – den Wert eines Kunstwerkes – z.B. eines Bildes – bestimmten und damit auch den Preis, ist es heute oft nur allein der Name des Künstlers, der hohe Preise erzielen lässt und dadurch künstlerische Qualität verspricht und im Wertzuwachs seines Werkes ästhetischen Gewinn!

So schließt sich ein Kreis: Der – spektakuläre – Wertzuwachs eines Bildes macht den Namen seines Schöpfers bekannt, dadurch sein Werk im wahrsten Sinne des Wortes kostbar und nicht selten reif für eine große Sammlung oder wichtig gar für ein Museum, was wiederum Wertzuwachs verspricht …

Der populäre und »hochpreisige« Maler Andy Warhol ist jetzt auch zu verstehen, der einst sagte: »Ein gutes Geschäft ist die beste Kunst.« Durch hohe Preise erkauft sich der Markt hohe Glaubwürdigkeit, denn was teuer gekauft wurde, konnte ja so schlecht nicht sein. »Zum zentralen Qualitätskriterium der Gegenwartskunst wurde ihre Verkäuflichkeit.« (Hanno Rauterberg).

Der Kunstmarkt – schreibt die Juristin und Kunstgeschichtlerin Piroschka Dossi in ihrem Buch: »Hype! – Kunst und Geld« – ist der schillernste Sproß der kapitalistischen Gesellschaft. Hier treffen Kunst und Geld aufeinander, sakrale Andacht und profane Spekulation, Auktionsrekorde und Künstlerarmut …

In der Tat gehören die Bildenden Künstler weltweit zu den einkommensschwächsten Freiberuflern, trotz der horrenden Preise, die Sammler heute für zeitgenössische Kunstwerke in Galerien und auf internationalen Kunstmessen investieren. Was die einen – die Spekulanten – erfreut, mag die anderen, die »Andächtigen«, die Intellektuellen, – traurig stimmen, doch liegt das unschöne Gehabe am heutigen Kunstmarkt wohl in der Sache – Kunst und Markt – selbst begründet:

Ein Kunstwerk ist eine von Hand geschaffene Arbeit, die später einmal ein Publikum in irgendeiner Weise, – ästhetisch, intellektuell, politisch, auch religiös – ansprechen soll. Der Verkauf dieser Handarbeit soll den Lebensunterhalt seines Schöpfers ermöglichen. Ihr Wert wird durch Größe, Material -und Zeitaufwand seiner Herstellung und durch sein Gefallen, – Zuspruch steigert den Preis – ermittelt und bestimmt.

Nachdem die Kunst und die Künstler sich von den Auftraggebern der Kirche, der Regierenden und der Adelshäuser befreit sahen, mussten sie zu Beginn der Neuzeit als freie Maler und Bildhauer einen freien Markt bedienen, dem heute wohlhabende Bürger als Liebhaber, Sammler und Geldanleger und Museumsleiter zusprechen, was allerdings nicht selten einer fachkundigen Vermittlung bedarf. Galeristen vor allem leisten das heute: Sie betreuen das Werk eines Künstlers, organisieren Ausstellungen und bringen die Arbeiten auch mit Publikationen – Katalogen – einem interessierten Publikum nahe.

Bei der Vorbereitung zu dieser Ausstellung von Andreas Schellemann habe ich mich oft gefragt, was wohl aus Andreas Schellemann, was aus seinem Werk geworden wäre, wenn den Künstler eine kompetente Galerie vertreten und im guten Sinne vermarktet hätte. Auf Dauer hatte Andreas Schellemann keine Galerie, die sich um seine Arbeiten kümmern durfte. Leider bemühte er sich darum auch nicht intensiv genug, denn diese Institutionen wollen umworben und durch kontinuierliches »Klinkenputzen« mühsam erobert werden. Das kann sehr erniedrigend sein und bedeutet auch immer wieder abgelehnt zu werden, was – nicht nur für einen sensiblen Charakter – schwer zu verkraften ist.

Der Schriftsteller Martin Walser, der mit der Familie Schellemann befreundet war, meinte einmal, wer Geld verdienen will, muß sich beleidigen lassen. Andreas Schellemann hielt sich da eher an den Philosophen Nietzsche: Müßiggang (auch im Sinne z.B. von: ohne äußeren Druck handeln) ist der Quell aller schöpferischen Phantasie. Und im gleichen Sinne – auch ein Wort Friedrich Nietzsches: »Auf das Schaffen, nicht auf das Nachahmen komme es an!«

Und Andreas Schellemann hat ein Leben lang unermüdlich gezeichnet und gemalt, hat um Ausdruck und bildnerische Form in seinen Arbeiten gerungen, dabei wohl immer mehr für sich selbst geschafft, als für ein Publikum, das auf ihn zu selten aufmerksam gemacht wurde und das er deswegen nur selten fand. In der Kunstwelt blieb er dadurch – und nicht zuletzt durch seinen frühen Tod – weitgehend unbekannt.

Obwohl er so vielversprechend, als überaus talentierter Zeichner in ganz jungen Jahren, als Wunderkind beinahe, begann!

Wir bewundern Kinderzeichnungen: Kopffüßler oder Tiere mit fünf Beinen, Darstellungen, in denen nichts richtig ist aber alles stimmt und sinnvoll erscheint. Es scheint, als fehlte Andreas Schellemann diese kindlich naive Unbekümmertheit, möglich auch, dass er sie seinem angeborenen Talent unterordnete, so dass er als Kind schon »richtig« zeichnet, Figuren korrekt wiedergeben kann, und was noch erstaunlicher ist, Figuren in Ansammlung miteinander agierend, zeichnerisch richtig komponieren.

Andreas Schellemann wächst in einem musischen und politisch orientierten Elternhaus auf. Stundenlang kann er – ein Vorschulkind – seinem Vater, dem politisch engagierten Maler und Zeichner Carlo Schellemann, bei dessen Arbeit interessiert zusehen, fasziniert vom Bildwerden politischer und sozialer Themen der Vergangenheit und Gegenwart. Bevor er lesen kann, setzt er sich den Bildern des Krieges aus, die er, von den Eltern geduldet, in Büchern der häuslichen Bibliothek vorfindet. Prägend für sein ganzes Leben wird ihm der in Bildern überlieferte Schrecken des Holocaust, die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas. Hieraus resultiert auch sein lebenslanges tiefes Mitgefühl für die Unterdrückten der Welt, für politisch Gefangene und in Diktaturen Leidende, Themen, die künstlerisch zu bearbeiten ihn bis zuletzt nicht loslassen.

Als Grundschüler in München sieht er zum ersten Mal japanische Farbholzschnitte und ist von den form- und farbenprächtigen Darstellungen der japanischen Schauspieler, Krieger, Sumoringer und Geishas so fasziniert, dass er alles Japanische persönlich erfahren möchte. Er erlebt wirklich eine Teezeremonie und Aufführungen des Münchner Kabuki-Theater; er versenkt sich in die fremden Klänge der japanischen Musik und zeichnet fortan über Monate japanische Motive, – keine Kopien, sondern eigene Nachempfindungen, – mit denen er sich sogar erstes Geld verdient.

Ein eigenartiges Kind!
An Geburtstagen und zu Weihnachten wünscht er sich nicht wie andere Kinder seines Alters Spielzeug, sondern Farben und Zeichenstifte oder gar nur eine große Tube Klebstoff um Collagen – Klebebilder – zu gestalten. Er spielt selten mit anderen Kindern, wie andere Kinder. Er zeichnet und beobachtet das Zeichnen seines Vaters. Schule wird für ihn zur Nebensache; die Lehrer halten ihn für faul, sie wissen nicht, dass er täglich stundenlang hingebungsvoll zeichnet und dabei seine schulischen Aufgaben vernachlässigt, sie einfach vergisst.

Im Alter von zehn Jahren entstehen seine ersten Selbstporträts, wie aus der Zeit gefallen, (alt)meisterlich gezeichnet, als hätte der brillante Zeichner Horst Janssen hier selbst zur Feder gegriffen und den jungen Andreas porträtiert!

1974 zieht die Familie Schellemann von München nach Eggenfelden. Hier festigt sich sein Wunsch, eines Tages wie sein Vater beruflich Künstler – Zeichner und Maler – zu werden. Als er dann noch erfährt, dass er auch ohne Abitur Kunst studieren kann, ist seine schulische Karriere endgültig am Scheitern. Mit 16 Jahren verlässt er sein Elternhaus. Mit hohen Erwartungen und hohen Ansprüchen an sich selbst geht er nach Bremen an die Kunsthochschule und beginnt bei Professor Jürgen Walter zunächst als Gast sein ersehntes Studium. Nach zwei Jahren wechselt er an die Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Dort besucht er die Klasse des bekannten kritisch-realistischen Malers Arwed Gorella. Schnell wird er zur rechten Hand seines Professors: Tutor, eine (zu) frühe Ehre. Als Jüngster in der Klasse ist er nun gegenüber seinen älteren Mitstudierenden weisungsberechtigt. Er wird angefeindet, ist isoliert.

In einer studentischen Gemeinschaft gegensätzlichster, durchaus kreativer Charaktere, wo jeder talentiert und von seinen überragenden künstlerischen Fähigkeiten überzeugt ist, jeder Student sich als der Größte sieht, relativieren sich im Vergleich die eigenen Gaben und plötzlich ist einer nicht mehr das einmalige Talent, als das man ihn – kurz vorher noch – als Jugendlichen erkannte, und er selbst sich auch.

Selbstzweifel treten auf, nehmen überhand. Auch Zweifel an der akademischen Ausbildung, die ihm eigentlich außer technischem Rüstzeug wenig Neues zu bieten vermag, um sein Fortkommen als Maler zu fördern. Frühzeitig verlässt er 1984 die Hochschule und erfährt desillusionierend schnell, dass er als freischaffender Künstler von seiner Kunst nicht leben kann.

Er jobbt, restauriert Möbel, renoviert mit Freunden alte Bauernhäuser. Er zieht nach Berlin. Auch dort renoviert er alte Gebäude. Endlich kann er auch seine Bilder öffentlich zeigen: In der Dominikanerkirche in Osnabrück findet 1987 seine erste wichtige und erfolgreiche Einzelausstellung statt. Ausstellungen folgen in Hannover, Tutzing, wiederholt in Berlin und immer wieder in Eggenfelden, wo sich ein treuer Freundes- und Sammlerkreis bildet, der bis heute hält.

Drei Bücher mit seinen Illustrationen, Feder-Tuschezeichnungen, kommen auf den Markt. 1981 die »Logbücher« des griechischen Nobelpreisträgers Giorgos Seferis, 1988 »Die Sonnenstadt« von Fra Tomaso Campanella und von Hans Buchner aus Pfarrkirchen: »Mäuse wispern, Schweine grunzen – Äsop lässt einen Seufzer fahren«.

Obwohl schon während seiner Studentenzeit Werke von ihm 1979 und 1981 auf der »Intergraphik« in Ostberlin und auch 1981 auf der Biennale der Ostseeländer in Rostock gezeigt wurden, bleibt der von allen erwartete Durchbruch und der seinem Werk angemessene überregionale Erfolg aus. Er kümmert sich nur wenig um die Vermarktung seiner Bilder. Lieber tauscht er Bilder mit Kollegen, sammelt, soweit es ihm finanziell möglich ist, Platten mit jüdischer und japanischer Musik, Kunstbücher, Briefmarken und japanische und afrikanische Masken.

Andreas Schellemann ist glücklich zu nennen, nur verläuft sein Leben zunehmend glücklos: Krankheiten schleichen sich in sein Leben: Verlust der Sehschärfe, Rheuma, eine lebensbedrohliche Herzerkrankung mit operativem Herzklappenersatz und späterem Herzschrittmacher; Depressionen und Angstneurosen sind die Folgen. Die Berliner Galerie, die sein Werk betreuen und zum Erfolg führen soll, steht plötzlich vor dem finanziellen Aus. Sie verschwindet spurlos aus der Kunstszene der Stadt.

Der Künstler Andreas Schellemann resigniert aber nicht. Er denkt nur jetzt noch weniger an den Markt, lässt sich noch mehr Zeit für seine Malerei. Was andere Maler nacheinander malen, schichtet er übereinander, konzentriert alles in Wenigem. Er kann es sich leisten, tagelang an einem kleinen Bild zu malen, ist nicht vom Druck des Fertigwerdens gejagt. Es entstehen wenige Bilder. Diese sind von eindrucksvoller, dichter malerischer Qualität.

Die Ausstellung zeigt diese Gemälde der letzten Jahre, die bisher öffentlich noch nicht gezeigt wurden. Auch Arbeiten auf Papier – Tuschezeichnungen und Gouachen – früherer Jahre und einige Beispiele aus der Schul- und Jugendzeit; eine erste Retrospektive mit dem Fokus auf Themen, die den Künstler Zeit seines Lebens immer wieder bildnerisch beschäftigt haben. Das besondere Interesse Schellemanns galt stets der figürlichen und der realistischen Darstellung, der Darstellung des Menschen: Bilder von Boxern, Clowns, Sumokämpfern, Köpfe: Porträts von Freunden und Bekannten, imaginäre Porträts und Akte.

Die menschlichen Figuren sind bei aller Expressivität still in sich verharrend, ihre Körper oft verwundet, gewaltsam verletzt, auch bandagiert; es sind von Krankheit, Folter und Krieg Gezeichnete. »Gängige Vorstellungen von der menschlichen Gestalt unterläuft der Künstler mit einer Fragmentierung des Körpers. Souverän geleitet er so den Betrachter vom Abbild zum Bild, das heißt: Zur Gestaltung, die stets mehr sagt als sie zeigt« (Gerhard Wagner).

Köpfe gehören zu den ältesten Motiven in der Geschichte der Kunst. Lange Zeit galt die Porträtmalerei als eine der nobelsten Gattungen ihrer Art. Zum einen geht es um ein weitgehend genaues Abbild des Gegenübers zum anderen um eine über die Individualität des Porträts hinausgehende Auseinandersetzung, das hinter der Oberfläche Verborgene zu suchen und zu finden. Andreas Schellemann greift hier weniger auf Methoden der Fragmentierung, Deformierung und Verwerfung zurück, wie es Francis Bacon oder auch Maria Lassnig tun. Ihn interessiert die Form des Kopfes und die Strukturen des Gesichts als collagiert geschichtete und modellierbare Malerei zu realisieren. Das ist nicht immer schön im herkömmlichen Sinne, auch nicht dekorativ gestaltet; die Köpfe sollen nicht nur inhaltlich funktionieren und ästhetisch, sondern durch ihre extrem starke Farbigkeit in dick aufgetragener Malschicht – in ihr brodeln förmlich die dicht an dicht und übereinander gesetzten Farben – beim Betrachter Emotionen wecken und Malerei optisch (er-)fühlbar machen.

Für das Schaffen des Künstlers ist charakteristisch, dass er einmal gefundene Bildkompositionen über Jahre und sogar über Jahrzehnte hinweg immer wieder aufgreift und variiert. Hierzu gehört auch die Werkgruppe der Stillleben mit Fischen, Gläsern und Flaschen, eher spröde zu nennende Darstellungen, ganz im Sinne der »Toten Natur«, wie Stillleben in den romanischen Sprachen, z.B. im Französischen: »nature morte«, genannt werden.

Neu hingegen sind die Stadtlandschaften, Bilder von herber Schönheit, die der Künstler in seinem letzten Lebensjahr malt, Kompositionen aus alten Stadthäusern, Brandmauern, Abrisslücken, Hinterhöfen; schrundiges Mauerwerk in trostloser Großstadtstimmung. Als figurativ-gegenständlicher Maler fand Andreas Schellemann sehr spät zu einer gültigen Landschaftsmalerei, die man genauso gut auch als Architektur-Stillleben oder Stadt-Stillleben bezeichnen könnte.

Andreas Schellemann ist als realistischer Maler-Erzähler wahrgenommen worden. Nur zögernd wagte er sich auf das ihm fremde Terrain der Gegenstandslosigkeit, wobei ihm aber eine farblich delikate, lyrische Malerei gelingt, die mit zum Schönsten seiner sonst eher »schön-fernen« Malerei gehört. Er betitelt diese Bilder nicht, nennt sie einfach »Kleiner Formalismus«, – möglicherweise traut er ihnen nicht, – ganz zu unrecht, wie ich meine!

Seit frühester Jugend ist Andreas Schellemann ein bemerkenswerter, ja virtuoser, Zeichner. Das lässt sich besonders gut an seinen Porträtstudien und den – wie ich sie nennen möchte – politischen Reportagen aus der Welt des Schreckens und Terrors ablesen, wo auf einem einzigen Blatt mehrere Zeichnungen in einer Zeichnung, wie aus Einzelbildern eines Films zusammengesetzt, eine Geschichte erzählen – Meisterwerke der Zeichenkunst – oder auch in den farbigen Papierarbeiten, in denen die schwarzen Linien den Ton angeben, die Motive formen und die Farben bündeln. Der Bilderzyklus »Die versunkene Welt, Hommage à Roman Vishniac« gehört für mich zu einem Höhepunkt im Werk des Künstlers.

Der Fotojournalist, Arzt und Kunsthistoriker Vishniac fotografierte mit versteckter Kamera von 1933 bis 1939 die arme ostjüdische Welt zwischen Ostsee und Karpaten, die, wie er ahnte, dem Untergang geweiht war. Seine Schwarz-Weiß-Fotografien erschienen bei uns 1983 in dem Buch »Verschwundene Welt« und 1993 in dem Buch »Wo Menschen und Bücher lebten«. Roman Vishniac gelang der Nachwelt ein lebendiges Abbild dieser verschwundenen, gemordeten ostjüdischen Lebenswelt zu überliefern. Einer Lebenswelt, deren Kinder und Enkel einst, entwachsen der engen religiösen Tradition, assimiliert oder auch nicht, über Generationen als Musiker, Dichter und Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler unsere europäische Kultur formten und prägten wie kaum eine andere Volksgemeinschaft.

Andreas Schellemann vertiefte sich so intensiv in die ihm eigentlich fremde Welt, dass er gleichsam als Synthese der in den Büchern geschilderten Momentaufnahmen eigenständige Bildstudien schuf, nicht Abbilder der Fotos. Bewusst meidet er individuelle Gesichtszüge darzustellen zugunsten allgemeinmenschlicher Merkmale wie Stolz, Trauer oder religiöse Versenkung. Wie so oft bei ihm sind die Personen nur fragmentarisch als Umriss angelegt, Gesicht und Hände aber bildnerisch fein durchgearbeitet. So gelingen ihm allgemeingültige, imaginäre Porträts von Menschen im Sinne nur von Roman Vishniac, die nun im gezeichneten und gemalten Zustand eines Bildes und nicht allein in der verblassenden Erinnerung einer Fotografie ein Überleben haben.

Betrachtet man nun alle Werkgruppen, fällt auf, dass den Maler Andreas Schellemann das Sinnliche an der Malerei – das Malerische an sich – oftmals deutlich mehr interessiert als das Darzustellende. Ihm gelingt es Farbe begreifbar zu machen. Indem er in und unter die Malfarbe Sand, Tabak, Papier, sogar Zigarettenstummel legt und mischt und was sonst noch an Wegwerfbarem gerade zur Hand ist, die Farbe durch Collagierung höht, wellt und durchfurcht, macht er die Bildoberfläche zu einer Art lebendigen Haut. Die sinnlich-haptische Farbe wird so zur eigenen Struktur im Bild und belebt das Motiv auf das Eindringlichste. Auf diese Weise und in der Fragmentierung der Figuren im Bild findet er seinen eigenen, unverwechselbaren Stil. Seine Bilder sind meist klein im Format und vergleichsweise still, doch vermögen sie sich wohl zu behaupten inmitten der großen und lauten des Alltags um uns!

Andreas Schellemanns Malerei und Zeichnungen haben natürlich ihren Preis, das heißt, sie sind etwas wert, – wertvoll im ökonomischen Sinne sind sie im Moment – noch – nicht. Aber wir selbst können sie uns wertvoll machen, indem wir sie für uns aus dem Dunkel des Depots holen und versuchen mit ihnen zu leben: So vermögen sie uns täglich zu bereichern!

Andreas Schellemann, in seiner Familie und von seinen Freunden Andy genannt, wurde am 11. Oktober 1961 in Augsburg geboren. Er kam im Alter von acht Jahren nach München und 1974 mit Dreizehn nach Eggenfelden. Er lebte und arbeitete zuletzt in Berlin. Dort starb er im 49. Lebensjahr, einige Tage vor dem 17. Juni 2010,
man weiß nicht genau, wann.

Dr. Volker Ziegert, Pfarrkirchen, Oktober 2012

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Quellen:
• Dossi Piroschka, »Hype! – Kunst und Geld«, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, Zürich, Wien, 2007
• Rauterberg Hanno, »Risse im Bild«, Die Zeit Nr. 27, 16.4.2009
• Wagner Gerhard, Berlin, »Farben und Striche der Harmonie für ein neues Empfinden«,
»Andreas Schellemann stellt seine Bilder aus«, Rottaler Anzeiger Nr. 282, 4. Dezember 1998